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Paul Sharits
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Paul Sharits – Eine Retrospektive

( Ausstellung im Fridericianum Kassel )

Wer in (oder näheren Umgebung von) Kassel wohnt, dem ist die Documenta mit ihren  Ausstellungen zeitgenössischer Kunst sicher gut vertraut. Auf Kunst und Künstler muss man sich einlassen – trotzdem wird es kontroverse Diskussionen über Kunstwerke sicher immer geben.

Unter Filmkunst wird auch jeder etwas anderes verstehen. Vermutlich denken aber sehr viele doch zunächst an die “klassische Herstellung und Vorführung“ von Filmen und erst nachrangig an die Experimental-/Avantgardefilme. Allerdings wurde ich schon des Öfteren von Kunststudenten zu technischen Möglichkeiten etwas abseits des „normalen Aufnehmens und Vorführens“ befragt. Dabei drehte es sich dann z.B. um Loops und Doppel bzw. Hintergrundprojektion. Besonders spannend fand ich das Projekt einer Studentin aus Salzburg. Sie befasste sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem “Filmen ohne Kamera“. Ich überlies ihr damals neben Klebpresse und Betrachter auch etliche Meter Blankfilm und weißen Vorspann. Sie wollte das Filmmaterial direkt bearbeiten.

 

Etwas naiv erwartete ich im Ergebnis so etwas wie “ Der Ton “  oder die  abstrakten Figuren des Tocata y Fuga (Johann Sebastian Bach) aus Disneys Fantasia. Leider hab ich das tatsächliche Ergebnis nie gesehen, aber ein wertvoller Hinweis ist mir in Erinnerung geblieben (den Tipp gebe ich hiermit auch gerne weiter J). Google mal:  Norman McLaren ( Dots / A Phantasy in Colors) oder Paul Sharits  -- was ich tat, und mich damals schon einige Zeit vor dem PC verbringen ließ. Daran musste ich sofort denken, als ich folgende Pressemitteilung des Fridericianum las:

 

 

 

 Aus exakt komponierten 16-mm-Filmen schuf der US-amerikanische Experimentalfilmer Paul Sharits (1943–1993) einzigartige Filmräume, die in ihrer Komplexität und Dichte einmalig in der Kunstgeschichte sind. Seine Installationen aus Mehrfachprojektionen (locational film pieces) lassen Film nicht nur zu einer visuellen, sondern auch zu einer körperlichen Erfahrung werden.

Akribisch arrangierte Farbkompositionen (Shutter Interface, 1975), irreführende Film-im-Film-Darstellungen (3rd Degree, 1982) sowie von drastischen Motiven durchschossene Abstraktionen (Epileptic Seizure Comparison, 1976) bilden die Grundlage seines Nachdenkens über die Funktionen und Bedingungen des Mediums Film. Sharits vereint in seinem Werk eine die Sinne durchdringende Intensität gekonnt mit Reflexionen über die filmische Illusion und die Mechanismen des Sehens.

Ganz auf seine Grundbestandteile reduziert, lässt Sharits in seinen Frozen Film Frames den Film schwebend zur Skulptur gefrieren: Zwischen hängende Plexiglasscheiben sind dicht an dicht liegende Filmstreifen montiert, deren Abfolge sowohl vertikal als auch horizontal betrachtet werden kann. Sharits führt den Film auf seine Grundbestandteile Zelluloid und Licht zurück und entzieht ihm gleichsam seine Grundbedingungen Zeit und Bewegung. Das Fridericianum widmet Paul Sharits die weltweit erste umfassende Retrospektive. 

Meine Neugier war sofort geweckt. Denn bei YouTube sich die Werke anzusehen ist das Eine, in einer Ausstellung sicher etwas ganz anderes. Vor dem geplanten Besuch noch kurz mit der Presseabteilung gesprochen – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Frau  Würthner für das zur Verfügung gestellte Material und die freundliche Unterstützung bei der Fotogenehmigung – denn dieser Bericht lebt ganz wesentlich von den Bildern.

 

 

Um es vorweg zu nehmen: ich war total begeistert. Eigentlich dachte ich von mir, dass mein Interesse eher den technischen Umsetzungen gelten würde – aber wirklich faszinierend waren dann tatsächlich die künstlerischen Aspekte und die Nachhaltigkeit der Eindrücke.

Der Besucher wurde in einem halbrunden Raum des Fridericianum von den Frozen Film Frames: N:O:T:H:I:N:G (1968) mit einer Farbenpracht begrüßt.

 

Diese 16-mm-Farbfilmstreifen sind zwischen zwei Plexiglasscheiben montiert. Die Farbfolge wirkt zunächst rein zufällig – dieser Eindruck trüg aber. Wie man in der weitern Ausstellung auch sehen konnte, hat Sharits sehr viel Zeit mit der Planung und Gestaltung seiner Projekte verbracht. Beim Betrachten von N:O:T:H:I:N:G (1968) musste ich dabei an das Richter-Fenster des Kölner Doms denken. Auch dort ist die Komposition wohl durchdacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier hatte ich aber die Möglichkeit einer sehr individuellen nahen Betrachtung. Man konnte sich auf die Suche nach einzelnen Frames begeben, und sich dann über “eigene Entdeckungen“ freuen.  Man ahnte wie dieses Werk auf einer Leinwand aussehen könnte. Wie bewusst Flicker-Effekte herbeigeführt werden, die bei einem “normalen Film“ ja eher störend sind. Und man stellte sich auch die Frage, ob man denn nun die einzelne Glühlampe überhaupt bemerken würde (Stichworte : unterschwellige Werbung / Tachistoskop).

 

 

Ein direkter Vergleich von den Frozen Film Frames und einem projizierten Film  von N:O:T:H:I:N:G war zwar leider im Fridericianum nicht möglich, aber hier kann dann wieder YouTube  hilfreich sein. ( siehe auch am Ende dieser Seite )

Sharits hat sich sehr für Licht und Farben interessiert. Er erforschte unter anderem welche Stimmungen sie im Betrachter hervorrufen. In seinen Filmen liegt daher der größere Focus auf den Farben und der Struktur – die Inhalte sind der Gesamtform eher untergeordnet und werden nur stark reduziert erzählt.

In der Ausstellung wurden 7 Filmräume von Sharits gezeigt. Der jeweilige Aufbau wurde dabei von Sharits sehr genau vorgegeben. Projektorabstände, Leinwandgröße, Ausrichtung des Raums (Epileptic Seizure Comparison) und Lautsprecherstandorte sind exakt vom Künstler festgelegt.  

So wurde auch die etwas eigenartige Filmführung (mit der herunterhängenden beschwerten Rolle) für T,O,U,C,H,I,N,G, (1968) übernommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Film wirkt durch seine starken Flicker-Effekt, welcher mit pulsierenden Toneffekten (destroy –destroy –destroy) noch verstärkt wird, und die brutal wirkenden Bilder, relativ schnell anstrengend. Hier erklärte sich der Hinweis auf die Gefahr eventuell auftretender epileptischer Anfälle (die Ordner waren aus diesem Grund auch mit Gehörschutz ausgestattet und wechselten regelmäßig die Räume).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Passenderweise hat sich Sharits dieser Thematik 1976 in seinem Werk  Epileptic Seizure Comparison  angenommen. Diese Doppelprojektion lief bereits auch während der documenta 6 (1976). Sie wurde, wie auch hier vom Künstler vorgegeben, in einem trapezförmigen Raum gezeigt. Man konnte sich der beklemmenden Darstellung nur sehr schwer entziehen. Im Gegenteil, durch die Raumgebung, mit den daraus entstehenden Lichtreflexionen, wurde man quasi in die Bilder hereingezogen. Man fühlte sich als Voyeur und die Gedanken schweiften durchaus sehr weit ab.

 

 

 

 

Eher versteckt, in einer kleinen Kuppel des Fridericianum, wurde der Film Piece Mandala/End War (1966) präsentiert. Dieser Film wurde bereits   während der documenta 5 (1972) gezeigt.  Als Betrachter stellte man sich bei diesem Werk die Fragen:  was sehe ich?, was ändert sich?, was glaube ich zu sehen ? 

 

 

 

 

In T,O,U,C,H,I,N,G, ,  Epileptic Seizure Comparison und Piece Mandala/End War  spürte der Betrachter eine gewisse Gewaltausstrahlung der Filme - sowohl körperlich (anstrengend für Auge und Ohren)  als auch über die psychische Wirkung. Man wollte/musste sich entziehen, um kurze Zeit später dann doch (fast zwanghaft) zurückzukehren. Wirklich sehr emotional.

Besonders gut gefallen haben mir die unterschiedlichen Mehrfachprojektionen. Der Gedanke, dass durch die unterschiedlichen Looplängen und rein zufällig gewählte Startpunkte der Projektoren wirklich einmalige, nicht reproduzierbare, Momente entstehen ist weiterhin faszinierend. Blickpositionen hinter, neben oder zwischen den Projektoren ergaben ein spannendes Zusammenspiel zwischen Technik und Kunst. Dabei war auffallend, dass die Projektoren in den einzelnen Filmräumen sehr unterschiedliche Ausrichtungen und Positionen zur Leinwand hatten.

Da es ausdrücklich erlaubt / gewollt war auch vor die Projektoren zu treten, konnte man in das Kunstwerk eingreifen und Teil desselbigen werden. Für den Gesamteindruck darf, gerade für Schmalfilmfreunde, der Projektorensound natürlich nicht unerwähnt bleiben.

In Shutter Interface (1975) befanden sich alle 4 Projektoren in gleichem Abstand zur Leinwand, die Bilder überschnitten sich leicht und es wurden die 4 separaten Tonspuren genutzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch bei  Dream Displacement, (1975–76) waren die 4 Projektoren in gleichem Abstand zur Leinwand aufgestellt, allerdings erfolgt die Projektion über zwei Spiegel. Dadurch wird das Bild um 90° gekippt. Die Bilder überschnitten sich leicht. Es wurde die Illusion erzeugt, dass man die Perforation sehen konnte. Bewegte man sich vor der Leinwand entstand ein spannender Effekt. Es gab Bereiche wo man keinen Schatten warf und somit im Kunstwerk verschwand. Das Gesamtgefühl wurde durch den quadrophonischen Sound abgerundet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Betrat man den Filmraum von 3rd Degree (1982) bekam der Schmalfilmfreund zunächst einen Schreck.

 

 

 

Sah er doch, wie ein Film durch die Hitze der Projektionslampe verbrannte. Wie kann es anders sein – dieser Effekt war von Sharits so gewollt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die 3 Projektoren standen in unterschiedlichem  Abstand zur Leinwand – wodurch (gleiche 25mm Optiken) die Bildgröße entsprechend variierte.  Auch hier erfolgte die Projektion über zwei Spiegel und das Bild wurde um 90° gekippt – die Projektionsbereiche verschmolzen nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier die Aufbauübersicht aus dem 7 seitigen Install-Manual zu 3rd Degree :

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die gezeigten Mehrfachprojektionen verdeutlichten sehr schön was Sharits in „Notes on Film“ geschrieben hat  :Ich möchte mich von Imitation und Illusion abwenden und mich direkt in das höhere Drama des Zelluloids begeben, der zweidimensionalen Filmstreifen; der einzelnen rechteckigen Filmkader; der Beschaffenheit von Transportlöchern und Emulsionen; des Betriebs von Projektoren; des dreidimensionalen Lichtstrahls; der Raumausleuchtung; der zweidimensionalen reflektierenden Leinwandoberfläche; der Leinwand von Netzhaut, Sehnerv und individueller psychophysischer Subjektivitäten des Bewusstseins.“

siehe auch: http://mikehoolboom.com/?p=39#essay_444

 

 

Im Word Movie (1966) traf man dann wieder auf den Flicker-Effekt. Einzelne Buchstaben formten sich in sich ständiger ändernder Abfolge zu kurzzeitig aufblitzenden Wörtern. So glaubte man es zumindest zu sehen. Tatsächlich ist auf jedem Frame ein anderes Wort. Allerdings liegen einzelne Buchstaben für mehrere Frames hintereinander an der gleichen Stelle.

 

  

Dieser Film ist auch als Fluxfilm  Nr.29 bekannt. In der  Fluxfilmserie sind Filme unterschiedlicher Künstler ( u.A. auch Joko Ono) gelistet. Erst mit der Fluxbewegung – 1960er Jahre- erlangte der Film als künstlerisches Medium Anerkennung.

Weblink (alle Fluxfilme) http://stendhalgallery.com/?page_id=1490

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben den Werken mit direktem Bezug zum (16mm) Film zeigte die Ausstellung auch zahlreichen Zeichnungen und das malerische Spätwerk Sharits.

Mich haben noch ganz besonders die auf  Millimeterpapier und mit Filzstift gefertigten Diptychen und Serien begeistert.  Diese stellte Sharits den Filmen teilweise als Studie beiseite. Zunächst bin ich, zugegeben etwas achtungslos, an den Diptychen vorbeigegangen – der Zusammenhang war für mich nicht erkennbar. Erst als mir während der Führung der Trick der Frame Study ……bzw. der  Study for Frozen Film Frame erklärt wurde, faszinierten die Bilder – und die bereits erwähnte Projektplanungszeit Sharits wurde noch verständlicher.

 

Dass Sharits auch technische Aspekte künstlerisch verarbeitet hat, zeigt seine Hypothetical Shutter Interface Series

 

 

Apropos technische Aspekte:  bei der Ausstellung kamen in den Filmräumen 16 Eiki-Projektoren zum Einsatz. Alle waren mit einer Loop-Einrichtung versehen, auf denen die ca. 4 bis 8 Minuten langen Filme endlos projiziert wurden. Der sehr sorgfältige Aufbau musste, neben den oben erwähnten Aufbauanweisungen des Künstlers, sehr gut vorbereitet sein. Nirgends lagen Anschlussleitungen sichtbar im Raum – die Projektoren standen auf schönen Sockeln, wodurch auch dort nur minimalste Verkabelungen erkennbar waren. Wirkliche Projektionsästhetik.  Für den Aufbau der Ausstellung hat das Team des Fridericianum ca. 3 Wochen benötigt.

Da die Filme täglich gut 7 Stunden ihre Runden drehten ergibt sich ein durchaus interessantes Zahlenspiel.

 

5 Minuten Loop:      ca.84 Durchläufe am Tag –  ca. 528 Durchläufe jede Woche *

                                   ca. 6948 Durchläufe während der gesamten Ausstellung*

 

8 Minuten Loop:      ca.52 Durchläufe am Tag – ca. 330 Durchläufe jede Woche *

                                   ca. 4342 Durchläufe während der gesamten Ausstellung*                         

(*Öffnungszeiten 23.11.14 - 22.02.15  jeweils Di–So 11–18, Do 11–20 Uhr)

 

 

Hochbeanspruchung für Projektoren und Filme. Für jeden Film standen 3 Kopien zur Verfügung. Und da das Fridericianum auch für technische Probleme vorbereitet sein wollte, wurden 3 Projektoren für den Austausch im Falle eines Falles bereitgehalten. Die Projektoren wurden während der Ausstellung auch regelmäßig gewartet.

 

 

 

 

 

 

 

Am 08.02.15 hatte das Fridericianum zu einem “Gang durch verbotene Türen“ eingeladen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geöffnet wurden viele Türen, die üblicherweise den Besuchern verschlossen sind – vom Keller bis unters Dach.

In den Führungen ging es zum Beispiel ins Grafik- oder Leuchtmittellager. Zutritt gab es auch in den Raum, wo die Filme und Projektoren der Paul-Sharits-Ausstellung vorbereitet und gewartet wurden.

 

 

 

Dabei gab es natürlich auch viel Interessantes zu erfahren. Die Filmloops halten viel länger durch als erwartet. Der 3‘45‘‘ Wordmovie hat fast 2 Monte ohne Filmriss und zu vielen Laufstreifen durchgehalten.  Die Filme sind recht kompliziert zu schneiden – alle Kopien (einer Mehrfachprojektion) kommen auf einem Bobbi. Diese richtig zu trennen und wieder als Loop neu zu kleben bedarf guter Vorbereitung und konzentriertem arbeiten. Entgegen “normaler“ Filme sind die Farb-Frames nicht so leicht zu identifizieren.

Der technische Leiter berichtete, dass die analoge Technik sehr stabil lief – entgegen manch anderem Projekt mit PC und Beamer.

 

Diese Seite ist auch ähnlich in der

erschienen :   Paul Sharits Retrospektive in Kassel 

 

Hie noch ein paar  Youtube links :

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und genauso faszinierend ( aber eben ganz anders ) sind die Filme von Norman Mc Laren

 

 

 

 

 

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